Geflügelte Worte: “Furor Teutonicus”

Mit dem Ausdruck “Furor Teutonicus” – zu Deutsch “teutonische Raserei” – bezeichnet man eine Angriffslust, die weder den Gegner noch sich selbst schont. Er wurde wahrscheinlich durch den römischen Dichter und Geschichtsschreiber Marcus Anneaus Lucan (39–65 n. Chr.) geprägt. Der benutzte diesen Begriff in seiner Beschreibung der germanischen Stämme, die gut hundert Jahre vor der Zeitenwende Rom bedrohten und eine Reihe blutiger Niederlagen zufügten.

Um diese Zeit ist Rom gefestigt und hat sein Territorium bis an die Alpen und rund um das westliche Mittelmeere ausgeweitet. Mit den keltischen Völkern entlang der Nordgrenze wurde Frieden geschlossen und Bündnisse vereinbart. Reger Handel lehrt diese direkten Nachbarn römische Lebensart und festigt ihre Verbundenheit mit dem Imperium.

Geschickt hat Rom so eine Pufferzone zu den Barbaren im Norden geschaffen. Zwar kommt es regelmäßig zu Überfällen verschiedener germanischer Stämme auf Verbündete wie die Markomannen, Helvetier, Hermunduren und Belger, doch Rom selbst ist davon nicht betroffen. Die germanischen Unruhestifter bekämpfen sich zum Glück oft gegenseitig, und wenn Rom von seinen Verbündeten zu Hilfe gerufen wird, gelingt es den Legionen zumeist schnell, die Barbaren zurückzudrängen.

Was im weiter oben im Norden, hinter den linksrheinischen Germanen vorgeht, ist in Rom weitgehend unbekannt. Wen interessieren schon die kalten, unwirtlichen Landstriche jenseits von Rhein und Donau? Kein Wein wächst dort, und außer Fellen und ein wenig Bernstein gibt es nichts, was aus anderen Weltgegenden nicht billiger und schöner zu bekommenen wäre. So öd und karg ist diese Ecke der Welt, dass der Dichter Homer sie sich angeblich als Vorbild für seine Schilderung des Totenreichs nahm.

Der Aufbruch

Doch etwa im Jahr 120 v. Chr. beginnt in diesem barbarischen Gebiet eine Völkerwanderung von enormen Ausmaß, die Rom an den Rand des Unterganges bringen wird. Zehntausende Germanen von den Stämmen der Kimbern, Teutonen und Ambronen verlassen ihre Siedlungsgebiete in Jütland, dem heutigen Dänemark. Sie wandern nach Süden, dorthin, wo die wohlhabenderen Kelten wohnen. Ihr Weg führt sie wahrscheinlich entlang der Oder und weiter durch Böhmen und das heutige Österreich; ihre genaue Route ist unbekannt.

Auch den Grund für die Wanderung der Germanen können wir nur vermuten – Hungersnöte und Missernten infolge von Sturmfluten oder schlicht Überbevölkerung können Ursachen für diesen Zug gewesen sein. Sicher ist jedoch, dass die Wandernden auf der Suche nach neuen Siedlungsgebieten sind. Mit Frauen und Kindern und all Ihrem Hab und Gut ziehen sie weiter und überall suchen sie einem Platz, wo sie sich niederlassen können.

Aber wo sie auch auftauchen, alle lohnenden Siedlungsplätze sind bereits belegt. Teils wird ihnen Geleit gewährt, teils plündern sie und nehmen sich an Proviant, was sie benötigen, oder sie werden mit Waffengewalt zurückgeschlagen, doch nirgends finden sie eine dauerhafte Bleibe. Und die Gruppe wird größer: immer wieder schließen sich den Wandernden kleinere Gruppen aus anderen Stämmen an. Angeführt werden sie von dem Kimberfürsten Boiorix, der auf dem Höhepunkt seiner Macht wahrscheinlich über 120.000 Kämpfer verfügen kann – der gesamte Zug mit den Familien der Kämpfer muss jedoch um ein vielfaches größer sein.

Schlacht bei Noria

Die Römer werden erst auf diesen Zug aufmerksam, als die Kimbern 113 v. Chr. in das Gebiet der Noriker im heutigen Kärnten einfallen. Der Stamm ist mit den Römern verbündet und ruft diese um Hilfe an. Eine römische Legion ist in der Nähe stationiert und ihr Befehlshaber, Papirius Carbo, schickt sie dem Feind entgegen. Er verweigert die Bitte der Neuankömmlinge nach Siedlungsland und lässt die Alpenpässen sperren, aber er sagt ihnen freies Geleit nach Westen zu.

Dann aber beschließt er, die Germanen zu verraten und greift den Zug bei einer Rast an. Bei Noria, das im Süden des heutigen Österreichs gelegen haben muss, kommt es zur Schlacht. Konsul Carbo muss eine empfindliche Niederlage hinnehmen und seine Legion entgeht nur mit Glück der völligen Vernichtung – angeblich hat ein schweres Gewitter die Germanen bewogen, den Kampf zu beenden.

Der Zug nach Westen

Die Germanen wenden sich nun nach Westen, ziehen nördlich der Alpen weiter, überqueren Donau und Rhein und marschieren in Richtung Gallien. Zwei Jahre später stehen sie an der Grenze der römischen Provinz Gallia Narbonensis an der Mittelmeerküste und Rom läuft Gefahr, die Landverbindung zu seinen Provinzen in Spanien zu verlieren. Doch die Germanen fragen erneut um Siedlungsland und Marcus Julius Silanus, der Statthalter der Provinz, verweist sie an den römischen Senat, denn er kann eine so wichtige Frage nicht selbst entscheiden.

Rom jedoch verwehrt die Bitte erneut und so kommt es im Jahre 109 v.Chr. zu einer weiteren Schlacht der Kimbern und Teutonen gegen die Römer unter dem Kommando von Statthalter Silanus. Doch wiederum unterliegt Rom den Germanen und ein dauerhafter Konflikt entsteht, der sich über mehrere Jahre hinzieht, während die Germanen im südlichen Gallien marodieren und erfolglos eine dauerhafte Bleibe suchen.

Im Jahre 105 v.Chr. stellen die Römer die Germanen wiederum zu einer großen Schlacht. Diesmal bietet Rom eine großes Heer auf und beauftragt zwei Heerführer gemeinsam mit der Leitung: Die beiden Konsuln Quintus Servillus Caepio und Gnaeus Mallius Maximus sollen den Sieg bringen. Doch die beiden Kommandeure sind sich nicht grün – Caepio hat sich in den spanischen Provinzen einen Namen gemacht und entstammt einem alten römischen Adelsgeschlecht. Maximus dagegen ist ein “homo novus”, der als erster seiner Familie ein so hohes Amt im römischen Staat bekleidet.

Furor Teutonicus

Die Streitmacht Roms wird deshalb geteilt gegen die Germanen geführt. Bei Arausio an den Ufern der Rhone, nahe dem heutigen Orange, treffen die Heere aufeinander, doch weil jeder der römischen Feldherren den Ruhm für sich allein begehrt, sprechen sie sich nicht ab. Nacheinander greifen die Germanen unter der Führung ihres Fürsten Boiorix die Römer an und nacheinander werden die Legionen besiegt. Am Ende ist die Niederlage vollständig, 80.000 römische Soldaten sollen getötet worden sein.

Fast schlimmer als die Niederlage selbst wirken die Berichte über die Schlacht – angeblichen töten die Germanen wie im Blutrausch alle Römer, die ihnen in die Hände fallen. Viele werden den germanischen Göttern als Opfer dargebracht. Man erhängt sie oder schlitzt ihnen die Kehlen auf, ihre angeschlagenen die Köpfe werden an Bäumen befestigt. Auch Kriegsbeute wird in Massen geopfert – Waffen werden zerschlagen, die Pferde ertränkt und zusammen mit Wertsachen wie Kleidern, Schmuck und goldenem Zierrat in den Fluss geworfen. Die Kunde von diesem Rausch der Zerstörung schürt bei den Römern die Angst vor dem “Furor Teutonicus”, der sich nun gewisslich gegen die Stadt und ihre Einwohner wenden wird.

Es ist heute nicht mehr bekannt, warum die Germanen die Gunst der Stunde nicht nutzen um nach Süden zu ziehen und Rom zu erobern. Doch statt die schutzlose Stadt anzugreifen, wenden sich die Germanen nach Westen und in den folgenden Jahren teilen sie sich sogar – wohl weil es auf Dauer schwer möglich ist, einen so großen Zug ausreichend zu versorgen. Während sich die Kimbern auf die Pyrenäen zubewegen, um auf der iberischen Halbinsel ihr Glück zu versuchen, zieht die andere Gruppe mit den Teutonen und Ambronen nach Nordwesten, auf die Biskaya zu.

Doch wo sie auch hinkommen, sie finden keinen Ort, an dem sie bleiben können. 103 v.Chr. vereinen sich die Heerhaufen wieder und wenden sich, nachdem die Belger im Nordosten Galliens sie abwehren konnten, gen Süden, um nach Italien zu ziehen.

Atempause

Doch diesmal sind die Römer vorbereitet. Sie haben die zwei Jahre genutzt und ihr Heer reformiert. Statt eingezogener Bürger kämpfen nun Berufssoldaten und diese Legionäre werden nun auch aus der Unterschicht rekrutiert, um genügend Soldaten zu haben. Sie werden einer harten Disziplin unterworfen: bis zu 40 Kilo Gepäck schleppen die Legionäre nun auf ihren Märschen, eine schwere Bürde. Aber sie macht die Armee unabhängig von dem üblichen Tross mit Material und Proviant, und ermöglicht so viel schnellere Truppenbewegungen.

Angeführt wird die Armee von Gaius Marius, einem erfahrenen Soldaten von einfacher Herkunft. Erste Erfolge erzielt er bei einem Feldzug in Nordafrika, wo er 104 v. Chr. Jugurtha, den abtrünnigen König eines Vasallenreiches, besiegt, gefangen nimmt und im Triumphzug durch Rom führt. Doch der nächste Feind wartet schon. Seit fast 20 Jahren ziehen die Germanen nun schon durch Europa und verwüsten die Lande, eine ständige Bedrohung für Rom und seine Vasallenvölker.

Im Jahre 102 v. Chr. wenden sich die Germanen gen Süden, und wieder teilen sie ihr Heer: Die Kimbern wollen von Norden her die Alpen überqueren, während Teutonen und Ambronen von Gallien aus die Küste entlang wandern. Marius beschließt, mit drei Legionen, also etwa 32.000 Mann den Feinden entgegen zu ziehen und stellt die Teutonen und Ambronen unter ihrem Fürsten Teutobod bei Aquae Sextiae, dem heutigen Aix-en-Provence.

Mit strategischem Geschick provoziert er einen Angriff der Germanen gegen seine auf einem Hügel positionierten Legionäre und seine Rechnung geht auf: Der Angriffsschwung der heranstürmenden Germanen erlahmt und die römische Phalanx kann sie zurückdrängen. Als nun eine kleinere Abteilung Römer die Germanen von hinten angreift, zerfällt die Schlachtordnung der Teutonen und Ambronen und sie werden geschlagen. Zu Tausenden töten die Römer ihre Gegner und auch der Tross mit Frauen und Kindern wird vernichtet. Die Knochen der Geschlagenen dienten, so heißt es, noch über Jahre als Dünger für die Weinberge.

Im folgenden Jahr dann kommt es zur entscheidenden Schlacht gegen die Kimbern, die inzwischen die Alpen überwunden haben. Auf den Raudischen Feldern in der Nähe des heutigen Mailands bieten Gaius Marius und der Prokonsul Quintus Lutatius Catulus ein Heer aus zusammen etwa 50.000 Legionären auf. Wie viele Kimbern von ihrem Fürsten Boiorix ins Feld geführt werden, ist nicht überliefert.

Doch den Ausgang der Schlacht kennen wir: Die Legionäre des Gaius Marius erringen einen umfassenden Sieg und die Römer stehen ihren Feinden an Grausamkeit nicht nach. Nach der Niederlage ihres Heeres ringen sie auch den Tross der Kimbern nieder. Frauen und Kinder verteidigen die Wagen der Germanen und viele töten sich lieber selbst, als gefangen genommen zu werden.

Mit dieser Schlacht endet die jahrzehntelange Wanderung der Kimber und Teutonen und Rom hat eine tödliche Bedrohung abwenden können. Damit verschwinden diese Stämme aus der Geschichte und andere Germanenvölker ziehen die Aufmerksamkeit Roms auf sich. Doch noch einmal begegnet man in Rom den Kimbern, denn nicht alle waren einst gen Süden gezogen. Im Jahre 5 nach Christus reiste eine Gruppe dieses Germanenstammes mit ihrem größten Schatz, einem Kessel zu Kaiser Augustus nach Rom, um für den Angriff zu sühnen.

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